Leseprobe aus Band 1:
Kreatur der Dunkelheit
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Das Feuerwerk erinnerte an einen Neujahrsmorgen. Unmengen von Sprengkörpern und Raketen wurden vom Rand des Gendarmenmarktes von professionellen Pyrotechnikern in den Nachthimmel Berlins katapultiert und explodierten kaskadenförmig. Für Sekunden standen neue Sterne am Firmament und tauchten die Feierlichkeiten in einen bunten Reigen. Ähnliches geschah in diesem Moment in allen anderen Hauptstädten der Europäischen Union.

Magnus Hyde stand an einem der vielen Fenster im Konferenz-Zentrum des Hiltons und betrachtete das Spektakel mit gemischten Gefühlen. Die EU-Erweiterung bedeutete für ihn ein Umdenken. Obwohl im Vorfeld lang genug bekannt war, dass weitere zehn Länder in den Staatenbund aufgenommen wurden, ging die Entwicklung der Pläne, wie man diese Neuerung effektiv für sich umsetzte, nur schleppend voran. Der Umstand bereitete Hyde nicht wirklich Sorgen, aber immerhin beschäftigte er ihn. Sein Blick schweifte über die Skyline Berlins. Von hier aus waren die großen am Gendarmenmarkt angrenzenden Attraktionen der deutschen Hauptstadt zu sehen. An der Nordseite der Französische Dom, ihm gegenüber am südlichen Ende der Deutsche Dom, der fast zur selben Zeit Anno 1701 errichtet wurde. In der Mitte des fast 50.000 Quadratmeter messenden Platzes stand das Schauspielhaus, das seit 1984 unter dem Namen Konzerthaus Berlin nach seiner Rekonstruktion neu eröffnet wurde. Hyde war oft geschäftlich in Berlin und quartierte sich stets im Hilton ein – nicht nur aus Prinzip, in einem Markenetablissement zu nächtigen, sondern weil das Hotel vor Ort das bestmögliche Ambiente bot. Er kam gern hierher, wenn er nicht gerade in London weilte und seine Vorstandstätigkeiten bei Hydelog wahrnahm. Seine Firma galt am stagnierenden Logistikmarkt als einzige, die die Zeichen der Konjunktur erkannt und in die richtigen Projekte investiert hatte. Vor allem die Regierungstransporte brachten eine Menge Umsatz, Gewinn und Prestige. »Schöne Aussicht, nicht?«

Hyde hatte den anderen bereits kommen hören und war nicht erschrocken, als Wetzlaw Mrokczynski ihn auf Deutsch ansprach. Der polnische Delegierte hatte schon den ganzen Abend versucht, Hyde ein Gespräch aufzuzwingen. Bisher war er ihm erfolgreich aus dem Weg gegangen, doch Hyde wusste, dass er sich ihm irgendwann stellen musste. »Ja«, sagte der Engländer in der gleichen Sprache, blickte dabei jedoch noch immer zum Fenster hinaus, als würde der Gendarmenmarkt seine ganze Aufmerksamkeit beanspruchen. Hyde seufzte tief und stellte sich vor, wie das Leben im 18. Jahrhundert drunten seinen Gang nahm – zu jener Zeit, da der riesige Platz seinen Namen erhielt. Eine Kaserne der Gens d’Armes mitsamt ihren Reiterstallungen war hier untergebracht gewesen. »Sie hören mir überhaupt nicht zu!«, klagte Mrokczynski. »Warum weichen Sie mir aus, Mister Hyde?« Eine Spur zu schnell fuhr Hyde herum. Der polnische Botschafter zuckte erschrocken zusammen. Nur das letzte bisschen Mut, das ihm noch geblieben war, hinderte ihn daran, hastig zurückzutreten. Der Sekt in seinem Glas schwappte über den Rand und lief an seiner Hand herunter. Mrokczynski machte keine Anstalten, sich zu säubern, sondern starrte Magnus Hyde nur unverwandt an. »Es ist nichts Persönliches.« »Mir scheint es aber doch so«, sagte der Pole. »Sie haben fast mit jedem heute Abend gesprochen, nur mit mir nicht. Ist es, weil meine Regierung die Transporte mit Hydelog auf ein Mindestmaß beschränkt hat? Sie müssen verstehen, dass wir jetzt unsere eignen Unternehmen fördern müssen, gerade jetzt, wo sich für uns die Grenzen geöffnet haben und wir unseren Beitrag für ein geeintes Europa leisten müssen.« »Verstehe.« Hyde blickte auf die Uhr. Es war kurz vor Eins. Das Feuerwerk draußen verebbte langsam. Nur noch vereinzelt stiegen Leuchtraketen der Berliner Bürger in den Nachthimmel empor. Hin und wieder hörte man noch einen Kracher. Die Feierlichkeiten in der Bundeshauptstadt würden jedoch jetzt erst richtig beginnen. Auch im Konferenz-Zentrum des Hiltons klangen mit einem Mal fetzigere Töne und Rhythmen auf. Die Stunde des jungen Volkes beginnt, dachte Hyde. Er sah Mrokczynski an und lächelte. Nur zu gern hätte er das Gesicht des Polen gesehen, wenn er ihm auf den Kopf zugesagt hätte, dass er die nächste halbe Stunde nicht mehr erleben würde. »Es wird Zeit, Pan Mrokczynski, ich habe einen langen Tag hinter mir.« Der Botschafter seufzte, als hätte er die Hydes Reaktion abgesehen, doch diesen kümmerte es nicht. Er schob sich an Wetzlaw Mrokczynski vorbei und mischte sich unter die anderen Gäste. Wie auf vielen Veranstaltungen dieser Art hatten sich Grüppchen gebildet. Die Leute unterhielten sich angeregt, andere tanzten ausgelassen zu den poppigen Klängen in der Mitte des Konferenz-Zentrums. Hyde hielt Ausschau nach seiner Tochter. Als er sie nicht sogleich fand, fuhr er sich durch das stark ergraute, fast weiße Haar, um das ihn manch ein Mann in seinem Alter beneidete. Offenbar kam er damit gut bei Frauen an. Selbst seine Tochter sagte ihm immer wieder, dass er mit seinen Fünfundsechzig unwiderstehlich aussah. Wie Donald Sutherland, hörte er ihre Stimme in seinen Gedanken. Magnus Hyde fand Rebecca unter den Tanzenden. Sie hatte seinen Blick gespürt und schaute in seine Richtung. Als er ihr zuwinkte, nickte sie und bewegte sich rhythmisch zur Melodie langsam von der Tanzfläche fort zum Rand des Saals. Hyde sah erneut auf die Uhr, dann über die Schulter zurück zu Botschafter Mrokczynski. Er war fort.

Verflucht! Er suchte unter den anderen Gästen. Sein Blick pendelte schnell hin und her, doch der Pole war nirgends zu entdecken. »Du bist ein Spielverderber, Dad«, sagte Rebecca und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. Demonstrativ hielt er ihr die Armbanduhr vor die Nase. Rebecca verzog die Mundwinkel nach unten. Sie wollte sich gerade zum Gehen wenden, als Hyde sie am Arm festhielt. »Warte! Wir haben ein Problem.« Noch immer schweifte sein Blick durch die unüberschaubare Menge an Feiernden. Irgendwo musste Mrokczynski doch stecken! Rebecca zog die Brauen hoch. »Wir? Ich hab ein Problem. Ich könnte noch stundenlang abtanzen, aber du ...« Sie hielt inne, als sie seinen ernsten Blick sah. »Was ist passiert, Dad?« Hyde beugte sich näher zu seiner Tochter herunter. Seine Stimme war nunmehr nur noch ein Wispern, das kaum gegen die laute Musik ankam. Dennoch nickte Rebecca verstehend, als sie seine Worte hörte. »Mrokczynski ist fort.« »Ich hab euch gerade noch am Fenster stehen sehen.« »Ja ... und jetzt ist er nicht mehr da. Vielleicht ist er beleidigt, weil ich ihm einen Korb gegeben habe. Er hat den ganzen Abend versucht, mich in ein Gespräch zu verwickeln. Wenn er nicht im Saal ist, bringt das unsere Pläne durcheinander. Kannst du ihn orten?« Rebecca schüttelte den Kopf mit dem langen, rotblonden Haar. »Nein.« »Becky, ich muss dir nicht sagen, wie viel Aufwand wir in die heutige Operation gesteckt haben, oder?« »Es sind zu viele Menschen hier«, sagte seine Tochter. Hyde bedeutete ihr, den Saal zu verlassen. Obwohl sie sich am Rande des Konferenz-Zentrums bewegten, kamen sie nur schleppend voran. Immer wieder hielt sie ein Pulk von Gästen auf, mussten sie Kellnern und Tanzenden ausweichen, und gleich dreimal wurden sie angesprochen. Hyde war zu bekannt, als dass man ihn einfach ignorierte. Nicht nur seine Vorstandstätigkeit im eigenen Konzern hievte ihn in die höchsten Kreise der High Society, sondern auch seine Teilhaberschaft an einer Ölfirma und sein Vorsitz der Clay & Sons Bank of Britain, einer Investmentbank und jüngster Tochter von NM Rothschild. Hyde kam nicht umhin, dem Bundespräsidenten die Hand zu schütteln und seiner Gattin zwei dezente Komplimente zu machen. Er stellte seine Tochter dem Inhaber einer tschechischen Maschinenfabrik vor, zog sie jedoch sofort weiter, ehe der Mann sich ausschweifend darüber auslassen konnte, wie bezaubernd Rebecca aussah. Endlich erreichten sie den Ausgang des Festsaales, passierten die Leute des Hotelsicherheitsdienstes und blieben im Korridor des ersten Stockwerks stehen. Als Rebecca leicht den Kopf schüttelte, schob er sie bis zum nächsten Aufzug und entschuldigte sich bei zwei Fahrgästen, die er höflich aus der Kabine komplimentierte. »Meiner Tochter geht es nicht gut, ich fürchte, sie wird sich jeden Moment übergeben ...« »Du hast Nerven!« Rebecca funkelte ihren Vater an. Hyde wusste, dass sie nicht wirklich sauer auf ihn war. Er hatte jetzt nicht die Zeit, sich auf Diskussionen einzulassen. Erneut wanderte sein Blick zu Ziffernblatt seiner Rolex Submariner Date. Sieben Minuten! Hyde drückte die Taste für das Untergeschoss. Sanft setzte sich der Lift in Bewegung, doch bevor er auch nur das Erdgeschoss eine Etage unter ihnen erreichen konnte, zog der Engländer den Notstopp. Rebecca runzelte die Stirn. »An der Rezeption werden die Aufzüge überwacht. Sie merken, wenn jemand die Notbremse zieht.« »Dann solltest du dich beeilen, Darling.« Seine Tochter verdrehte die Augen. Zufrieden stellte Magnus Hyde fest, dass sie schließlich doch nachgab. Sie trat einen Schritt zurück bis zur Kabinenwand und schloss die Lider. Rebecca atmete tief ein und so endlos langsam wieder aus, dass sie fast eine Minute brauchte, um ihre Lungen gelehrt zu haben. »Er ist im Foyer«, sagte sie. Atemlos betrachtete Hyde seine Tochter. Einmal mehr erinnerte sie ihn an ihre Mutter. Das lang gewellte, rote Haar, die hohen Wangenknochen, ihre vollen Lippen und die blaugrünen Augen, die noch unter den geschlossenen Lidern lagen. Rebecca war wie Victoria, als Hyde sie kennen lernte. Du bist viel zu früh gestorben, dachte er und biss die Zähne aufeinander. »In einer der Telefonzellen«, sprach Rebecca weiter. »Mit wem telefoniert er?« Rebecca riss die Augen auf und hielt ihrem Vater provozierend die Handflächen entgegen. »Hab ich Löcher in den Händen? Bin ich Jesus? Woher soll ich wissen, mit wem er spricht?« Hyde spürte ihre Erregung. Sie war normalerweise nicht so grantig und widerborstig zu ihm, doch auch Rebecca wusste, dass ihnen die Zeit unter den Nägeln brannte. Fünf Minuten! »Komm«, sagte Magnus Hyde und streckte die Hand nach der Notbremse aus, doch in dem Moment legte sich die Finger seiner Tochter auf seinen Arm. »Warte ... er geht zum anderen Aufzug. Anscheinend fährt er wieder hoch ins Konferenz-Zentrum.« Hyde löste die Bremse. Die Kabine ruckte kaum merklich an, passierte das Erdgeschoss und fuhr weiter ins Untergeschoss zur Tiefgarage. Der Engländer zog sein Mobiltelefon aus der Tasche und drückte eine Kurzwahltaste. »Ich bin’s. Fahren Sie den Wagen vor. Es muss schnell gehen.« Er wartete keine Bestätigung ab, sondern unterbrach sofort die Verbindung. Der Lift hielt an. Als sich seine Türen beiseite schoben, hatten sie noch vier Minuten. Und Wetzlaw Mrokczynski ebenfalls.

Seine Silhouette verschmolz mit der Nacht. Er war unsichtbar. Unhörbar. Wie ein Schatten schlich er durch die schmale Hintergasse des Hotels. Er spähte in die Düsternis, blieb zwischen zwei Mülltonnen stehen und lauschte. Trotz der noch immer tönenden Kracher des Feuerwerks, konnte er seine Umgebung auf andere Laute sondieren. Falls sich jemand in seiner Nähe befunden hätte, hätte er ihn gehört. Der Mann in der pechschwarzen Kleidung widmete sich der Wand und zog sich die Armbrust vom Rücken. Er drückte am eingelegten Bolzen einen Schalter. Vier Metallklauen schnappten auf und bildeten am Ende eine Art Enterhaken. Der Attentäter legte an und zielte. Sirrend fegte das Geschoss nach oben bis zum ersten Dachvorsprung. Er prüfte kurz den Halt, vergewisserte sich, dass ihm noch genügend Zeit blieb und schwang sich dann an dem mit dem Enterhaken verbundenen Seil die Wand hinauf. Seine rutschfesten Sohlen boten ihm sicheren Halt an dem Mauerwerk. Er überwand die zehn Höhenmeter, spähte über den Dachrand und rollte sich dann darüber. Auf der anderen Seite blieb er flach atmend auf dem Rücken liegen. Er schloss die Augen und konzentrierte sich. Nichts außer den verhallenden Detonationen der Feuerwerkskörper war zu hören. Nichts zu spüren. Geschmeidig wie eine Raubkatze kam er auf die Beine und huschte geduckt zum nächsten Treppenhausaustieg. Er blieb neben der Tür stehen und legte die Reisetasche vor sich auf den Boden. Der Reißverschluss ratschte und gab den überschaubaren Inhalt der Tasche frei: Eine Halbautomatik mit Schalldämpfer, ein Kampfmesser, zwei Kapseln Mikrosprengstoff, um Hindernisse wie die Tür des Treppenhauses aus dem Weg zu räumen, und vier Ladungen Semtex-Plastiksprengstoff. Der Mann drückte eine der Mikrokapseln an das Türschloss, nahm die Tasche auf und machte zwei Schritte zurück. Über den Signalgeber an der Armbanduhr löste er die feine Explosion aus, die das Schloss sprengte. Der Weg ins Hilton war frei. Er hatte noch sieben Minuten, um seinen Auftrag zu erfüllen. Genug Zeit, um die Ladungen zu platzieren und wieder von hier zu verschwinden. Es spielte keine Rolle, wo der Sprengstoff hochging. Wenn er ihn im Erdgeschoss zündete, würden die oberen Etagen mit den Zimmern und Suiten durch die Wucht der Explosion einfach zusammenbrechen. Er schulterte die Reisetasche, zog die Pistole hervor und schob sie sich auf den Rücken hinter den Gürtel. Niemand würde ihn während der Feierlichkeiten beachten. Dennoch war er für alle Fälle gewappnet. Vor der Tür verharrte er. Seine geschärften Sinne vermittelten ihm ein Anzeichen von Gefahr. Viel zu schwach, um wirklich nah sein zu können, doch er war vorsichtig. Er blickte sich um und erschrak!

Keine fünf Meter von ihm entfernt stand eine Frau auf dem Dach und beobachtete ihn. Er verstand nicht, warum er sie nicht vorher bemerkt hatte, warum seine Sinne ihn nicht schon viel früher gewarnt hatten. Sie war viel zu nah. So dicht hatte es noch nie ein Gegner geschafft, an ihn heranzukommen! Der Attentäter sog scharf die Luft ein und drehte sich zu der Frau um. Von ihr ging etwas aus, das er im ersten Moment nicht näher einordnen konnte. Etwas, das ihn beunruhigte. Er ließ die Reisetasche zu Boden gleiten, zog in einer schnellen Bewegung die Pistole und schoss. Ploppend verließen drei Geschosse den Lauf. Die Frau schrie nicht. Nur am Zucken ihres Körpers erkannte er, dass er getroffen hatte. Er wollte die Tasche aufnehmen und die Waffe wegstecken, als sein Erstaunen ins schier Unermessliche stieg. Die Frau war nicht gefallen – im Gegenteil, sie stand noch immer. Er wischte sich irritiert über die Augen. Sie war fort. Wie von der Nacht verschluckt. Seine Kieferknochen mahlten. Angestrengt starrte er über das Dach. Dort war niemand. Nur für einen Augenblick spielte er mit dem Gedanken, einer Halluzination aufgesessen zu sein. Er war für Missionen wie diese diszipliniert und konditioniert worden. Seine Auftraggeber trainierten ihre Leute nach einem strengen Kodex: Keine Drogen, keinen Alkohol. Nicht einmal Tabakwaren oder Sex vor dem Auftrag waren gestattet. Nein, er war bei vollen Sinnen – mehr als ein gewöhnlicher Mensch je beisammen hatte. Seine Wahrnehmungsfähigkeit glich mehr der eines Raubtieres denn der eines Menschen. Er konnte nicht halluziniert haben. Aber das bedeutete, dass die Frau noch hier war! Kaum, dass er den Gedanken verschwendet hatte, spürte er ihre Anwesenheit direkt hinter sich. Er wirbelte herum und erstarrte ...

Wie es weitergeht lesen Sie in Band 1.